Trauern

Über Jahrhunderte galt Trauern als ein Prozess, dem man als Betroffener ausgesetzt ist. Irgendwann, so lehrte es die Erfahrung, hatte die Zeit die meisten Wunden geheilt. Trauern ist aber ein aktiver Prozess, den sich der Trauernde zwar nicht aussucht, den er aber gestalten kann und sollte. Es gibt im Wesentlichen vier Phasen, die fast alle Trauernden durchleben:


Den Verlust annehmen

Verschiedenste innere Widerstände können den Trauernden daran hindern, den Tod als Verlust anzunehmen. Die häufigsten sind:

  • Den Verlust leugnen.
  • «Einfrieren» des Zustandes vor dem Tod. Vom Verstorbenen benutzte Gegenstände oder sogar ganze Räume werden so belassen oder täglich hergerichtet, als wäre er noch da.
  • Das gegenteilige Verhalten zum «Einfrieren», nämlich die «Komplettentfernung» des Verstorbenen und der Gegenstände, die er verwendet hat.
  • Die Bedeutung des Verlustes wird innerlich verkleinert: Aus der guten Mutter wird die «Rabenmutter», der gute Freund wird zum entfernten Bekannten.
  • Leugnen der Endgültigkeit des Todes. Hier gibt es verschiedene Verhaltensweisen von der aktiven Absage an den Toten: «Ich will nicht, dass Du tot bist, ich lass das gar nicht zu!» bis hin zu Kontaktaufnahmen mit Verstorbenen in spiritistischen Sitzungen.

Diese Widerstände gilt es abzuarbeiten, damit das Leben nach dem Trauerprozess wieder lebenswert ist. Vielen gelingt das. Manchen jedoch fehlt der Mut und die Kraft, aus diesen Illusionen herauszutreten. In diesem Fall sollte professionelle Hilfe beigezogen werden, da die Trauer sonst krankmachende Züge bekommt.

 

Den Schmerz fühlen

Viele Menschen haben nach dem Tod eines Angehörigen nicht nur seelische, sondern sogar körperliche Schmerzen. Schmerzen, beispielsweise bei Krankheit, sind «normal» und akzeptiert, was bei der Trauer aber nicht zu gelten scheint. Öffentlich Gefühle zeigen scheint nicht in unseren Kulturkreis zu passen.
Ablenkungsversuche wie «Komm, wir machen einen Ausflug» und Trost wie «Du schaffst das schon, du bist doch stark» können beim Trauernden leicht den Eindruck erwecken, dass er in den Augen seiner Umwelt zu sehr trauert. Dieser Eindruck kann bei ihm dazu führen, dass er keinesfalls seinen Trauerschmerz zeigen will, wodurch häufig bestimmte Muster aktiviert werden wie: Flucht in die Empfindungslosigkeit, inneres Verbot, Schmerz auslösende Gedanken zu denken oder häufige Ortswechsel, um den Erinnerungen und den damit verbundenen Schmerzen zu entfliehen.
Es ist sehr wichtig, den Schmerz herauszulassen! Nicht ausgelebter Trauerschmerz meldet sich wieder, wie wissenschaftliche Studien belegen. Meist in Form von Depressionen.

 

Veränderung

Erst nach einer gewissen Zeit wird der Trauernde im Tiefsten erkennen, dass mit dem Verstorbenen nicht nur der Ehemann oder die Ehefrau, der Partner oder die Partnerin gestorben ist. Je nachdem, wie man miteinander gelebt hat, waren Aufgaben und Funktionen klar verteilt. Und so stirbt mit diesem Menschen unter Umständen der Geldverdiener, der beste Kamerad, der Einkäufer, der Koch, der Hausmeister, der Zuhörer, der Sexualpartner... Die Reihe ist bei jedem Menschen anders und meist viel länger. Viele Trauernde sind an dem Punkt, wo sie diese Dimension des Verlustes wahrnehmen, wie geschockt und völlig hilflos. «Das schaff ich niemals alleine!» ? Dieser Satz ist typisch für eine solche Erfahrung von Hilflosigkeit. Trauerarbeit verlangt an diesem Punkt ein hohes Mass an Veränderungsbereitschaft. Ganz oft entdecken Trauernde jetzt, dass sie Fertigkeiten besitzen, die sie vorher nie gebraucht haben, weil der Verstorbene diese Aufgabe übernommen hatte.
Jede allein gemeisterte Situation, jede Übernahme neuer Verantwortung ? wie gross oder klein auch immer ? ist ein Schlüsselerlebnis in der Trauerarbeit. Wem es als Trauerndem gelingt, sich der veränderten Situation zu stellen und sie Schritt für Schritt zu meistern, der macht echte Fortschritte. Denn dahinter steckt die klare Ansage: Weil Du nicht mehr da bist, muss ich Dinge tun, die Du mir bisher abgenommen hast. Im Inneren dieses Trauernden haben eine Revision und Neuausrichtung des eigenen Lebens begonnen. Wer an diesem Punkt Stillstand, Hilflosigkeit und Mutlosigkeit nicht allein überwinden kann, sollte sich fachliche Hilfe gönnen, auch wenn diese ihren Preis hat. Es geht um zu viel, es geht um die Lebensperspektive.

 

Loslassen und Weitergehen

Trauernde, die sich gerade in der ersten Trauerphase befinden, werden diese Überschrift wahrscheinlich kopfschüttelnd lesen und mit einem innerlichen «Niemals!» kommentieren -- das ist völlig in Ordnung. Diejenigen hingegen, die sich bereits in einem intensiven Veränderungsprozess befinden, werden leichter verstehen, worum es in der letzten Trauerphase geht.
Es ist sehr schwer, sich vom Verstorbenen zu lösen und seinem Leben und seinen Gefühlen eine neue Richtung zu erlauben. Für viele Trauernde ist es ein Verrat am Verstorbenen, wenn sich ihre Gefühle für den Verstorbenen ändern, insbesondere wenn es sich beim Verstorbenen um den Lebens- oder Ehepartner handelt.
Doch zum Glück besitzen Menschen eine sehr kostbare Fähigkeit: die Erinnerung. Mit ihrer Hilfe können sie ganz in der Gegenwart leben und haben gleichzeitig eine innere Brücke in die Vergangenheit. Für die Bearbeitung der vierten Trauerphase kann das bedeuten: Ich kann und darf heute einen anderen Menschen lieb haben, deswegen habe ich den Verstorbenen nicht weniger lieb.

 

Faktor Zeit

«Wie lange dauert die Trauerarbeit?», fragen sich viele Trauernde. Diese Frage ist zwar verständlich, aber leider unmöglich zu beantworten. Dazu kann man nur so viel sagen: Trauer braucht Zeit. Wie viel, hängt von verschiedenen Faktoren ab: In welcher Beziehung stand man mit dem Verstorbenen? Konnte man sich auf seinen Tod vorbereiten? Gibt es Blockaden oder Hindernisse bei der Trauerarbeit? Wie viel Zeit kann man für die Trauerarbeit aufbringen?
Sobald man an den Verstorbenen denken kann, ohne dabei Schmerz zu empfinden, ist die Trauerzeit im Allgemeinen beendet. Es gibt jedoch Trauernde, bei denen die Trauer nie ganz aufhört, sondern nur deren Intensität abnimmt. Hilfe auf diesem langen Weg anzunehmen, ist ein Zeichen der Stärke.